„Jede größere Stadt bräuchte eine Materialverwaltung“

Wir haben unsere T-Shirt-Kooperation mit KnowledgeCotton Apparel zum Anlass genommen, uns mit Akteuren und Akteurinnen aus Hamburg zu treffen, um über ihre nachhaltigen Projekte zu sprechen. Für jedes unserer T-Shirts haben wir eine oder einen von ihnen interviewt.

„Less is more“ verkörpert den Grundgedanken der Hanseatischen Materialverwaltung, einem Auffanglagers für wiederverwertbare und oftmals sehr besondere Materialien. Dort haben wir Vivien getroffen. Mit ihr haben wir uns in den zwei großen Hallen im Oberhafen getroffen, die mit Tausenden großen und kleinen Objekten gefüllt sind, und uns von der Idee des Fundus‘ erzählen lassen. Welche Rolle dabei Godzilla spielt, erfahrt ihr im Interview.

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Foto: Tim Kaiser

Seit wann gibt es die Hanseatische Materialverwaltung und seit wann bist du dabei?

Eröffnet wurde die Materialverwaltung im Mai 2013 – wir haben als in diesem Jahr unser Fünfjähriges gefeiert. Ich bin seit Anfang 2015 dabei. Ich hatte gerade meinen Master im Kulturmanagement-Studium abgeschlossen und wusste noch nicht so genau, was ich machen soll. Da ich die Hanseatische Materialverwaltung schon kannte und mich deren Arbeit interessiert hat, bin ich dann einfach vorbeigelaufen und habe gefragt, ob ich mitmachen darf. Ich bin mit offenen Armen empfangen worden – wenn man die zwei großen Hallen sieht, lässt sich zumindest erahnen, wie viel Arbeit hier drinsteckt. Da mich die Öffentlichkeitsarbeit und das Fundraising am meisten interessiert haben, habe ich Jens, einen der beiden Gründern, dabei unterstützt. Stückchen für Stückchen habe ich den Bereich dann übernommen und mittlerweile arbeite ich auch nicht mehr ehrenamtlich, sondern als Freie. Das Tolle an diesem Ort ist, dass er so ein unglaubliches Potenzial hat und deshalb vor allem für Leute, die sich ausprobieren wollen, extrem attraktiv ist. Es gibt viele Menschen, die sich hier ehrenamtlich einbringen, manche nur für ein spezielles Projekt, anderen begleiten unseren Weg schon seit Jahren. Im Kernteam sind wir elf Personen, fünf davon sind festangestellt.

Auch ich lasse mich immer wieder von einzelnen Projekten in den Bann ziehen und helfe mit. Im vergangenen Frühling haben wir beispielsweise zusammen mit vielen Helfern und Helferinnen unser Sonnendeck gebaut – eine große Terrasse am Ende der Hallen, die wir in diesem heißen Sommer dann auch ausgiebig nutzen konnten und zu regelmäßigen Veranstaltungen eingeladen haben. Für mich hieß das: Ich war vier Wochen eigentlich permanent draußen und habe gelernt, mit Holz zu arbeiten. Davon hatte ich zuvor keine Ahnung. Das fasziniert mich hier: Man lernt viele verschiedene Sachen und kann sich voll austoben in diesem sehr kreativen Umfeld. Zu uns kommen so viele Menschen, die Ideen und handwerkliches Geschickt mitbringen und auch die Ärmel hochkrempeln und Projekte ins Rollen bringen. Ich bin jedes Mal wieder aufs Neue überrascht und auch ein bisschen stolz: Oft nehmen wir uns etwas vor und es klingt schon groß und aufwendig – und am Ende ist es noch viel größer, und vor allem fertig geworden. Man hätte vorher gedacht, dass das gar nicht zu schaffen ist, aber irgendwie bekommen wir es trotzdem immer hin – das ist total geil.

Was macht ihr überhaupt?

Die Hanseatische Materialverwaltung ist ein Fundus für Bühnenbilder, Requisiten und Materialien aller Art. Wir verleihen und verkaufen diese Materialien. Das Besondere ist: Alles, was hier in den Hallen steht, ist gespendet worden. Wir kaufen nichts an, sondern nehmen die Sachen auf, die bei Film- oder Theaterproduktionen und bei Messen, Haushaltsauflösungen oder anderen Entrümpelungen übrig bleiben – und normalerweise verschrottet werden. Das Erschreckende ist, dass es eigentlich die gängige Praxis ist, dass z.B. nach Werbe-Shootings alles in den Müll geworfen wird. Selbst bei mittleren Produktionen kann das schon mal ein Materialwert von mehreren Hunderttausend Euro sein. Diese Wegwerf-Haltung ist der Ausgangspunkt für die Hanseatische Materialverwaltung gewesen: Petra, Geschäftsführerin und eine der beiden Gründer, hat selbst in der Filmbranche als Szenenbildnerin und Ausstatterin gearbeitet und hat diese Wegwerf-Mentalität miterlebt. „Es ist zum heulen, was da jeden Tag weggeschmissen wird“, hat sie immer wieder berichtet. Dann hat ihr jemand Jens, den zweiten Gründer vorgestellt. Er ist Künstler und hatte Bedarf an Materialien und Requisiten für seine Installationen, aber die Organisation und Finanzierung waren oftmals ein Problem. Daraus ist die Idee entstanden, ein Auffanglager für Materialien zu eröffnen.

Zufällig gab es zu diesem Zeitpunkt eine Ausschreibung für die ehemaligen Lagerhallen der Bahn im Oberhafenquartier in Hamburg. Das Problem war nur: Die Abgabefrist für den geforderten Business-Plan war nur ein paar Tage später. Nach durcharbeiteten Nächten und Tagen war das Konzept inkl. Kalkulation fertig. Und es kam gut an, und die Stadt hat eine Anschubfinanzierung genehmigt. Die Idee ist einmalig auf der Welt. In New York gibt es zwar ein vergleichbares Lager, aber das ist noch etwas anderes aufgestellt als wir. In Europa sind wir die einzigen mit dieser Größe und auch dieser Vision.

Mittlerweile müssen wir finanziell auf eigenen Beinen stehen. Das machen wir hauptsächlich über den Verleih und Verkauf von Requisiten. Der Preis richtet sich dabei immer nach dem Budget und dem Zweck des Projektes, für das bei uns eingekauft oder geliehen wird. Gemeinnützige Träger wie ein Schultheater zahlen dabei nur etwa ein Drittel des marktüblichen Preises und professionelle Filmproduktionen oder andere kommerzielle Akteure zahlen voll. Das sind dann Beträge, die sich an den Preislisten von anderen Fundus orientieren. Es hat sich vor allem bei Filmschaffenden und Werbe-Produzenten rumgesprochen, dass wir hier einen Schatz aus zum Teil außergewöhnlichem Material haben.

Dazwischen gibt es noch eine Kategorie, die wir „förderungswürdig und low budget“ nennen – das sind beispielsweise studentische Filme. Hierfür rufen wir auch nur die Hälfte des Marktpreises auf. In diesem Bereich verleihen wir auch die meisten Materialien. Zusätzlich  kommen auch Privatpersonen zu uns und kaufen Materialien und vor allem Möbel ein. Das läuft gut – und ist auch eine Querfinanzierung für die Gemeinnützigkeit.

Das andere Standbein sind eigene Veranstaltungen. In der Regel laden wir regelmäßig ein zum Sommerfest und zu einen Winterbasar. Da gibt es dann ein buntes Programm für die ganze Familie mit Essen, Trinken, Flohmarkt. Zusätzlich vermieten wir unsere Räumlichkeiten. Mittlerweile hat sich die Halle als sehr schöne Eventlocation herauskristalisiert. Wir liegen zentral und charmant mitten in der Innenstadt und für die Deko einer Veranstaltung haben wir einfach den besten Fundus.

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Foto: Tim Kaiser

Wie kommen die Materialien zu euch?

Mittlerweile melden sich die Leute bei uns, am Anfang haben wir in diesen Bereich noch sehr viel Arbeit reingesteckt. Die meisten freuen sich total, dass es einen Ort gibt, der das Weiterleben  garantiert. Vor allem wenn Bühnenbildner viel Herzblut und Energie in ihre Kulissen gesteckt haben, freut es sie, wenn Teile davon von anderen Kulturschaffenden oder Kreativen genutzt werden – und vor allem nicht weggeschmissen werden. Bei uns stehen immer wieder die großen Lastwagen der Theater auf dem Hof und laden ihre Kreationen ab. Das hat auch den erfreulichen Nebeneffekt, dass der CO2-Fußabdruck dadurch gemindert wird. Auch Kulturbetriebe achten darauf verstärkt, und es wirkt sich positiv auf ihre Bilanz aus, wenn sie mit uns zusammenarbeiten.

Wie sieht das bei euch aus mit der Nachhaltigkeit?

Wir sehen es als unsere Aufgabe, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was alles weggeschmissen wird – und welche Projekte wir dadurch unterstützen und ermöglichen, dass wir Materialien wiederverwenden. Das ist eine neue und vor allem kreative Idee, die die Leute interessant finden. Wir haben in den ersten vier Jahren etwa 1000 Tonnen CO2-Emission eingespart, was umgerechnet bedeutet: Man hätte 100 Hektar Wald pflanzen müssen, um diese Menge CO2 binnen zehn Jahren aus der Atmosphäre zu binden. Wir wünschen uns auch, dass diese Idee Schule macht und sich auch in anderen Städten und Ländern fortsetzt. Ich finde, jede größere Stadt bräuchte so eine Einrichtung.

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Die limitierte Kollektion „Less is more“ von KnowledgeCotton Apparel und Avocadostore. Foto: Tim Kaiser

Wir sind ja gerade einmal durch die beiden riesigen Hallen durchgelaufen. Kannst du ungefähr sagen, wie viele Dinge hier rumstehen?

Das ist super schwierig, weil man hier ja alles findet von der Großrequisite bis hin zu ganz kleinteiligen Buchstaben aus ausrangierten Drucksets. Ich kann nur schätzen, aber es sind auf jeden Fall viele Tausend Teile.

Gibt es eine durchschnittliche Verweildauer der Objekte?

Nein, die ist ganz unterschiedlich. Manchen Sachen kommen rein, wir stellen sie in eine Ecke und zwei Tage später sind sie verkauft. Andere Sachen verkaufen wir gar nicht, sondern verleihen sie ausschließlich. Zum Beispiel unsere große Maritim-Sammlung aus Netzen, Ankern, Rettungsringen etc. wird so oft geliehen, da kann man noch so betteln: Daraus verkaufen wir nichts. Das heißt, es gibt Dinge, die begleiten uns schon seit langer Zeit und manche wirklich auch schon seit der Eröffnung.

Wer entscheidet, was bei euch bleibt?

Wir entscheiden das gemeinsam. Unsere Fundusleiterin Manu organisiert den Alltag und hat den Überblick über unsere Sammlung. Deshalb hat sie meist das auch das letzte Wort, wenn wir entscheiden müssen, was wir haben wollen und was nicht. Das ist ja auch ein Platzproblem. Zusätzlich wissen wir mittlerweile einfach sehr genau, was geht im Verleih und im Verkauf – und was nicht. Im Moment nehmen wir z.B. gar keine Sofas mehr an, weil wir erstens ganz schön viele haben und zweitens gar nicht ausreichend Lagerfläche. Auch wenn wir über tausend Quadratmeter zur Verfügung haben, ist es doch schon ganz schön voll. Außerdem brauchen wir immer auch ein bisschen Platz zum rangieren und dekorieren – und für Veranstaltungen.

Deshalb ist es gut, wenn die Leute uns anrufen oder ein Foto schicken, bevor sie mit ihren Sachen bei uns in der Halle stehen. Die meisten Materialien bekommen wir geliefert, denn – man mag es kaum glauben – wir haben kein eigenes Fahrzeug und müssen für Transporte immer ein Gefährt leihen. Aber die großen Hamburger Bühnen wie das Thalia Theater oder Kampnagel wissen das und fahren immer mit ihren Lkw bei uns vor.

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Foto: Tim Kaiser

Gibt es Materialien, mit denen du eine besondere Geschichte verbindest? Oder hast du ein Lieblingsstück, das dir ans Herz gewachsen ist?

Wir haben vor einiger Zeit mal ein Godzilla-Kostüm von einer Agentur bekommen, das finde ich richtig süß. Man kann reinsteigen und damit durch die Gegend laufen. Das kommt natürlich super an, wenn der Godzilla bei Partys am Einlass steht und alle begrüßt. Aber es gibt zu diesem Kostüm auch eine schöne Anekdote: Unser Godzilla wurde mal von einer Agentur in Berlin geliehen und kam dann mit der Mitfahrgelegenheit zurück. Die haben dann einfach einen Platz gebucht und ihn in Berlin ins Auto gesetzt und rausgelassen wurde er dann hier bei uns im Oberhafen. Lustige Vorstellung, dass man auf der Autobahn neben sich ins Fahrzeug schaut und einen plötzlich so ein großes schuppiges Etwas anlächelt. Außerdem hat es unser Godzilla auch schon auf ein Magazincover geschafft – das muss man erst mal schaffen.

Es gibt ein paar Dutzend total schicke klappbare Holztische, eines meiner Lieblingsobjekte. Eigentlich verkaufen wir diese Tische nicht, sondern verleihen sie nur. Seit ich vor einigen Jahren mal eine große Dinnerparty veranstaltet habe, habe ich ein Exemplar sozusagen als Dauerleihgabe bei mir zu Hause – zurzeit wird das noch geduldet, immerhin steht er da auf Abruf. Was ich immer wieder feststelle, ist, dass man – egal für welches Projekt – einfach alles hier findet. Man muss nur lange genug suchen.

Darf ich mich hier als Besucher durch alles durchwühlen?

Ja, wir schicken die Leute alleine los – und manche sind wirklich stundenlang unterwegs. Man kann bis zu einem Monat im Voraus etwas reservieren. Das machen wir alles analog, wir haben kein Warenwirtschaftssystem oder eine andere digitale Auflistung. Die Leute machen mit ihrem Smartphone Bilder von den Sachen, die sie leihen wollen, und dann vermerken wir das auf einem  Reservierungszettel – so ähnlich wie bei einem alten Bibliothekskasten. Wenn etwas ausgeliehen werden soll, bekommt es einen Aufkleber mit den Angaben von wann bis wann. Das funktioniert ganz gut so.

Wer kommt hierher?

Alle, vom Kleinkind bis zum Greis, auch soziokulturell sind unsere Besucher sehr durchmischt. Im letzten Jahr haben 20.000 Menschen den Weg zu uns gefunden. Wir bekommen ganz viel positives Feedback und fast alle erkennen sofort den ideellen Wert, der sich dahinter verbirgt. Das ist wirklich schön und macht die Arbeit für mich so wertvoll. So oft sind die Leute total verzaubert, das haben ich bisher noch nirgendwo anders gesehen. Ich mag besonders gern den Winterbasar, da putzen wir uns heraus und beleuchten alles ganz zauberhaft.

Begegnest du hier in Hamburg auch dem ein oder anderen Stücke, das du schon kennst?

Ja, auf jeden Fall. Besonders häufig bei Kulturevents. Da denke ich oft: Ach, ihr wart in der Materialverwaltung – das ist schön. Und ich freue mich darüber, was wir schon auf die Beine gestellt haben.

Anmerkung: Das Interview mit Vivien fand im Spätsommer 2018 statt.