„Es geht auch ohne Müll“

Wir haben unsere T-Shirt-Kooperation mit KnowledgeCotton Apparel zum Anlass genommen, uns mit Akteuren und Akteurinnen aus Hamburg zu treffen, um über ihre nachhaltigen Projekte zu sprechen. Für jedes unserer T-Shirts haben wir eine oder einen von ihnen interviewt.

„Make Love not Waste“ – so könnte man auch, frei interpretiert, den Grundgedanken von Stückgut, einem Unverpackt-Supermarkt, zusammenfassen. Wir haben uns mit der Geschäftsführerin Sonja in dem kleinen Laden in Ottensen getroffen und uns von ihr erzählen lassen, wie kompliziert es ist, Nudeln unverpackt anzubieten und dass der Großteil der Arbeit darin besteht, mit Händlern nach Möglichkeiten zu suchen, die Waren ohne Wegwerfverpackungen bis ins Stückgut zu bekommen.

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Foto: Tim Kaiser

Avocadostore: Seit wann gibt es den Laden und was ist deine Position?

Sonja: 2016 haben wir die GmbH für den Laden gegründet, seit Januar 2017 gibt es Stückgut hier in Altona, im April 2018 haben wir dann die Verkaufsfläche in der Rindermarkthalle bezogen. Gegründet haben wir Stückgut zu viert, als Geschäftsführerinnen sind meine Kollegin Insa und ich an vorderster Front.

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Foto: Tim Kaiser

Was ist die Idee hinter Stückgut?

Am Anfang gab es die Idee, dass wir eine Plattform zu Müllvermeidung und nachhaltigem Konsum aufbauen wollten – für mich geht das Hand in Hand und kann nicht getrennt voneinander gesehen werden. Uns ging es darum, auf diese Themen aufmerksam zu machen, das Ladenkonzept selbst war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht so sehr im Vordergrund. In der Projektphase haben sich für uns drei Teilbereiche herausgeschält, in denen wir aktiv werden wollten. Erstens Aufklärungs- und Bildungsarbeit zum Beispiel mit Projektarbeit an Schulen oder Vorträgen, zweitens die Vernetzung mit anderen Akteuren, die sich ebenfalls mit dem Thema nachhaltiger Konsum beschäftigen. Da sind wir z.B. mit anderen Unternehmen wie dem Zero Waste Café, Bloggern oder auch einzelnen, die die Müllvermeidung voran bringen wollen, im Austausch. Unser Wunsch ist es, sich in dieser Community gegenseitig zu unterstützen und eventuell gemeinsame Projekte zum Leben zu bringen. Für diese beiden Betätigungsfelder gibt es jetzt auch den Unverpackt e.V., den wir ganz frisch gegründet haben und der langsam wächst – auch deshalb, weil dort alle Mitglieder ehrenamtlich tätig sind. Der dritte Bereich ist die praktische Umsetzung der Idee – also die beiden Läden, die wir jetzt hier in Hamburg betreiben. Da muss man hinzufügen: Wir kommen alle nicht aus dem Einzelhandel. Uns war es wichtig zu zeigen: Es geht! Man kann auch anderes einkaufen und dazu beitragen, weniger Müll zu produzieren. Über den Verein organisieren wir auch einmal im Monat eine Veranstaltung im Laden, die sich noch mal auf einem anderen Level mit dem Thema auseinandersetzt. Das kann eine Kleidertausch-Party sein, ein Workshop zu Kosmetik oder ein Vortrag. Ich selbst habe sehr lange an der Uni theoretisch-wissenschaftlich gearbeitet in der Forschung und Lehre im Kontext ressourcensparendes Planen und Bauen. Deshalb bin ich ziemlich fit, wenn es um die Hintergrundrecherchen geht.

Was heißt unverpackt einkaufen – wie funktioniert das?

Das einzige, was anders ist als bei einem ganz normalen Einkauf, ist, dass man die Transportverpackung selbst mitbringt. Im konventionellen Supermarkt ist alles schon verpackt, bei uns bringt man die Behältnisse mit, um die Einkäufe einzupacken und mit nach Hause zu nehmen. Ich sag immer: Jeder Haushalt in Deutschland hat unter Garantie einen großen Fundus an Tupperdosen, alten Verpackungen, Gläsern und Beutel, da muss niemand extra Gefäße kaufen. Unsere Kunden verwenden oft alte Verpackungen wie z.B. Kaffeedosen oder auch einen Pappkarton für Lasagneplatten – das hat dann auch den Vorteil, dass man genau weiß, wie viele Platten dort reinpassen. Trotzdem bieten wir auch Verpackungsmaterial aus Edelstahl und Glas an, aber darauf liegt nicht unser Fokus. Viele Kunden wollen mittlerweile ihre Lebensmittel nicht mehr in Plastikverpackungen transportieren und lagern. Das heißt aber nicht, dass man alte Plastikbehältnisse wegschmeißen muss – in ihnen kann man z.B. prima Schrauben und andere Kleinteile aufbewahren. Ich versuche eigentlich immer, mit meinen Kunden ins Gespräch darüber zu kommen, was nachhaltiger Konsum heißen kann und welche kreativen Lösungen sich auch bieten.

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Foto: Tim Kaiser

Wie sieht‘s denn mit der Verpackung aus, wenn die Sachen zu euch kommen?

Es ist relativ einfach, die Sachen verpackungsfrei anzubieten, aber der viel kompliziertere Teil ist die Frage: Wie bekommen wir die Waren möglichst verpackungsfrei oder mit Mehrwegsystemen in den Laden? Klar gibt es da schon bestehende Systeme, die wir gerne nutzen wie z.B. die grünen Gemüsekisten oder das Mehrwegsystem für Gläser und Flaschen. Wir achten darauf, dass nichts in Einwegholz- oder Pappkisten zu uns kommt, unser Anliegen ist: Man muss nichts in den Müll werfen. Das heißt dann für uns aber auch: Wir müssen mit jedem Händler sprechen und nach Wegen für die Müllvermeidung suchen. Das ist eine ganz schöne Sisyphos-Arbeit. Ich stelle immer wieder die gleiche Frage: Füllt ihr das in Einweg- oder Mehrwegkisten? Und dann beginnt die Überzeugungsarbeit. Wir versuchen, in vielen Gesprächen unsere Lieferanten dabei zu unterstützen, ihre Verpackungssysteme zu hinterfragen und gemeinsam mit uns nach Alternativen zu suchen. Mittlerweile haben wir einen Weinhändler gefunden, der die Flaschen zurücknimmt. Angeliefert werden sie in wiederverwendbaren Holzkisten. Kaffee, Kokosfett und Sheabutter bekommen wir in Eimern, die wieder zurückgehen und weiterverwendet werden. Einer unserer Bio-Großhändler stellt mittlerweile immer mehr auf Mehrweg um. Aber das dauert und ist mit viel Kommunikationsaufwand verbunden. Zusätzlich achten wir natürlich darauf, möglich kurze Transportwege zu haben und regional einzukaufen.

Wie sieht es aus mit Nudeln?

Trockenware bekommen wir zum Großteil in 25-Kilo-Papiersäcken geliefert, die wir hier im Laden verschenken. Man kann sie z.B. aufkrempeln und als Papiermülleimer benutzen oder zum Sackhüpfen.

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Foto: Tim Kaiser

Nudeln sind allerdings ein Riesenproblem, weil sie oft nur in Plastiksäcken geliefert werden. Die kann man zwar auch manchmal wiederverwerten, aber es sind eben ursprünglich Einwegverpackungen. Wir sind da dran und suchen händeringend nach einer Lösung. Die großen Einwegsäcke sind da schon weniger verpackungsintensiv als die kleinen Einzelverpackungen im Supermarkt – bei denen man nicht vergessen darf, dass sie oft auf Paletten und eingeschweißt angeliefert werden. Die großen Säcke sind da ein erster Schritt, aber das reicht uns noch nicht. Wir haben jetzt eine Manufaktur in Stade gefunden, die komplett verpackungsfrei in Eimern anliefert. Das ist allerdings teuerer, und nicht alle Kunden können diesen Aufpreis zahlen. Deshalb bieten wir auch noch eine andere Sorte an, die in großen Kunststoffverpackungen geliefert wird. Doch auch damit reduzieren wir Müll. Auf unserer Homepage kann man nachlesen, dass wir seit unserem Bestehen schon mehr als 200.000 Verpackungen eingespart haben (Anmerkung: Im Juni 2019 sind es sogar schon über 400.000). Man denkt ja immer, das ist nicht viel, wenn man sich mal die Menge vor Augen führt, die beispielsweise in der Müllverbrennungsanlage in Hamburg jeden Tag angeliefert wird. Aber ich halte dagegen und sage: Trotzdem bewegen wir etwas und geben einen Anstoß. Mit unserem Engagement setzen wir einen Prozess in Gang, aber das Anstrengende ist, dass man dranbleiben muss. Für uns heißt das: Immer und immer wieder mit unseren Lieferanten diskutieren. Supermarkt-Ketten haben in der Regel wenige Großlieferanten, wir hingegen über 50 kleine – und mit jedem suchen wir nach einer individuellen Lösung.

Unser Laden ist nicht so angelegt, dass wir gewinnmaximierend arbeiten müssen. Das würde so gar nicht gehen, und es ist nicht unser Ziel, sondern vielmehr soll er sich so sich tragen, dass wir unseren Mitarbeitern faire Löhne zahlen können. Wir wollen zeigen: Es geht auch ohne Müll.

Wir haben schon gut laufende Produkte rausgenommen, weil wir keine gute verpackungsfreie Lösung gefunden haben. Das Waschmittel, das wir ursprünglich verkauft haben, wurde in Kanistern geliefert, die der Händler nicht zurückgenommen hat. Deshalb verkaufen wir jetzt ein Konzentrat, was für uns einen Mehraufwand an Beratung bedeutet, weil es nicht so einfach zu handhaben ist wie ein „normales“ Waschmittel. Wirtschaftlich gesehen ist das natürlich totaler Blödsinn, aber das ist unsere Philosophie. Wir sehen, dass wir damit Erfolg haben, die Läden laufen und wir bekommen sehr viele positive Rückmeldungen. Wir sprechen stetig über unsere Lösungen und die Produktauswahl, manchmal machen uns Kunden auch auf Neues aufmerksam oder hinterfragen unsere Lieferwege. Da gibt es kein klares Richtig oder Falsch, das sind immer Aushandlungsprozesse im Dialog mit dem Team und den Händlern. Bis ein Produkt wirklich im Laden angeboten wird, das dauert oft sehr lange. Wir haben auch manche Produkte nicht, weil wir bisher noch keine Lösung dafür gefunden haben.

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Foto: Tim Kaiser

Wer kauft bei euch ein?

Erfreulich gemischt, alle Altersschichten sind vertreten. Mittwochs gibt es bei uns Studentenrabatt von 15%, da sind natürlich viele junge Leute hier im Laden. Ansonsten kaufen bei Stückgut viele Stammkunden ein. Hier in Altona kommen die Leute gezielt zu uns, der Laden liegt ja ein bisschen versteckt. Deshalb haben wir uns auch entschieden, noch einen zweiten Laden in der Rindermakthalle zu eröffnen – da erreichen wir viel mehr Laufkundschaft. Das ist natürlich toll, weil wir alle ansprechen wollen.

Welche Produkte sind schwer zu bekommen?

Nudeln, Trockenfrüchte und Nüsse aus Übersee. Cashews gibt es z.B. nur vakuumiert. Die kaufen wir dann in großen Mengen ein. Die Frage ist für uns: Geht es nachhaltiger als im Supermarkt? Das können wir, indem wir durch die Großverpackungen weniger Müll produzieren. Die Alternative sind ja die kleinen 100-Gramm-Verpackungen. Da denken wir immer: Das ist eigentlich nicht so, wie wir das gerne hätten, aber es ist immerhin eine etwas bessere Möglichkeit. Frischen Fisch und Fleisch verkaufen wir nicht, das überlassen wir den Experten. Da wissen wir aber auch, wohin wir unsere Kunden schicken können.

Darf man an Frischetheken auch seine eigene Tupperware oder andere Verpackungen mitbringen? Ich dacht immer, das ist verboten.

Das ist ein Irrglaube und stimmt so nicht. Vor der Auslage ist eine Scheibe, der sogenannte Spuckschutz. Der ist durchaus wichtig, wenn z.B. ein Kunde niesen muss. Oben gibt es eine Fläche, die durch eine unsichtbare Linie unterteilt ist: Z.B. darf man dort im vorderen Teil sein (sehr dreckiges) Geld ablegen. Hinter diese Linie darf nichts vom Kunden gelangen, da sind die Auflagen zu recht sehr streng. Es ist kein Problem, wenn der Verkäufer die Ware in die mitgebrachte Dose auf der Ablage legt, aber er darf die Verpackung nicht nach hinten hinter den Tresen nehmen. So einfach ist das.

Wie sieht es bei euch aus mit der Hygiene?

Das ist kein Problem, für uns gelten die gleichen Vorschriften wie für alle anderen. Das ist alles mit dem Gesundheitsamt abgestimmt. Wir verkaufen auch Käse, das ist z.B. ein Produkt, auf das man besonders achten muss.

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Foto: Tim Kaiser

Wenn du in die Zukunft blickst: Wo siehst du euch in fünf Jahren?

Im Moment sind wir gut ausgelastet mit den zwei Läden. Wir haben keine Expansionsgedanken. Was wir gerade ausprobieren sind Kooperationen mit Firmen. Wir wollen eine verpackungsfreie Snackbox anbieten. Und an weiteren Ideen mangelt es nicht, wir sind ständig dabei, Neues auszuprobieren.

Merkst du eine Entwicklung, was die Offenheit und Akzeptanz der Menschen beim Thema Müllreduktion und nachhaltiger Konsum betrifft?

Die Problematik Mikroplastik wird verschärft von den Medien aufgenommen, und die Brisanz macht den Menschen Angst. Dazu kommen erschreckende Bilder von riesige Müllstrudeln in den Ozeanen. Seit den 90er-Jahren hat sich der Pro-Kopf-Müll in Deutschland verdoppelt. Ich finde das  erschreckend. Diese ganze To-go-Mentalität: Salat oder Suppe oder Kaffee mit ins Büro, das hat man früher nicht gemacht. Sobald es Bio und konventionelles Gemüse in den Supermärkten gibt, sind alle Bio-Lebensmittel in Plastik eingepackt. Es ist so extrem geworden, dass es deshalb auch in den Köpfen ankommt.

Warum ist das Bio-Gemüse eingepackt?

Man muss es vom konventionellen trennen. Das Problem ist folgendes: Wenn ein Supermarkt 100 kg Bioäpfel und 100 kg konventionelle Äpfel verkauft, darf er das nur, wenn er biozertifiziert ist. Das hat zur Folge, dass er nachweisen muss, dass er genau so viel Bio verkauft hat, wie er eingekauft hat. Wenn dann z.B. ein konventionelle Gemüse als Biogemüse an der Kasse abgerechnet wird und am Ende laut Kasseneingabe mehr Bio verkauft wurde als eingekauft, dann hat der Supermarkt ein Riesenproblem. Wegen der Verwechselungsgefahr wird immer dann alles Biogemüse in Plastik verpackt, sobald auch andere konventionelle frische Lebensmittel verkauft werden. Aber der neuste Vorschlag ist ja, das Plastik durch eine Laserkennzeichnung zu ersetzen. Das wäre zumindest mal ein erster Schritt.

Anmerkung: Das Interview mit Sonja fand im Spätsommer 2018 statt.