Nachhaltige Smartphones – die wichtigsten Fragen und Antworten

Wir haben seit längerer Zeit nachhaltige Smartphones auf unserem Marktplatz. Aber was ist an einem herkömmlichen Smartphone eigentlich nicht nachhaltig und was ist beim Fairphone und beim Shiftphone anders? Wir haben mit Hermann Hetzer, Experte für grüne Elektronik, darüber gesprochen.

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Avocadostore.de: Was ist an einem herkömmlichen Smartphone nicht nachhaltig?

Hermann Hetzer: Herkömmliche Smartphones sind meist eine Black Box. Wir wissen nicht, wo es genau herkommt und unter welchen Bedingungen es produziert wurde. Hier geht es nicht nur um faire Bezahlung. Es geht generell um menschliche Arbeitsbedingungen und fairere Rohstoffe in der Elektronikindustrie. In einem Smartphone stecken mehr als 60 verschiedene Materialien, darunter viele seltene Mineralien. Diese werden unter schwierigsten Bedingungen abgebaut oder fördern so Konflikte, die mit Waffen ausgetragen werden. Darüber hinaus können bisher noch nicht viele Rohstoffe recycelt werden. In der Elektronik sind wir einfach noch ganz am Anfang, da gibt es noch kein „bio“ oder „fair“.

Zudem sind herkömmliche Smartphones nicht nachhaltig in Puncto Hard- und Software. Bei einigen Modellen kann man nicht einmal die Batterie tauschen. Auch die Software wird oft nicht weiter unterstützt, da man ja möchte, dass neue Geräte mit neuerer Software gekauft werden. Bei dem Hersteller mit dem Apfel haben Kunden festgestellt, dass die Geräte (unter anderem durch Softwareupdates) wesentlich langsamer wurden oder dass nach kurzer Zeit der Gewährleistung die Batterie nicht mehr funktionierte. Das führt dazu, dass nur 13 Prozent aller Deutschen ihr Smartphone länger als zwei Jahre benutzen. All das kann man anders gestalten – wenn man will.

Es gibt zwei grüne Smartphone-Alternativen: das Shiftphone aus Deutschland und das Fairphone aus den Niederlanden. Was machen diese Hersteller anders?

Fairphone ist der Pionier und hat bereits viel geleistet – vor allem in Bezug auf die Transparenz der Lieferkette. In den Fairphones wird zum Beispiel Fairtrade-Gold verbaut. Das geht nur, wenn Zulieferer mitspielen und der Weg der Verarbeitung der Rohstoffe transparent dargestellt wird. So gibt es zum Beispiel eine Weltkarte, auf der sichtbar ist, wo die Materialien zu allererst gewonnen wurden und später weiterverarbeitet werden. Fairphone besucht darüber hinaus seine Partner regelmäßig und verlässt sich auf unabhängige Organisationen, wie zum Beispiel TAOS, die den Produktionsprozess überwachen. Auch Shift arbeitet mit dieser Organisation zusammen und hat eine kleine Mikroproduktion in Fernost aufgebaut, wo ihre Angestellten nach deutschem Mindestlohn bezahlt werden.

Beide Hersteller setzen außerdem auf die modulare Bauweise des Telefons. Dadurch ist eine schnelle Reparatur der Teile möglich. So kann zum Beispiel ein Mikrofon oder ein Lautsprecher schnell ausgetauscht werden. Beim Fairphone ist es noch etwas einfacher gestaltet, als beim Shiftphone. Beide Hersteller fahren jedoch nun konsequent diesen Weg und sind damit auch die womöglich einzigen Hersteller in der Elektronikindustrie, die so umfangreiche Reparaturmöglichkeiten durch Module anbieten. Fairphone hat hier außerdem ein neues Kamera-Modul Ende letzten Jahres herausgebracht (in allen neuen Modellen ist es bereits inklusive), so dass eben auch ein leichtes Upgrade der Hardware möglich ist. Shift bietet zudem ein Pfand-Modell, so dass man (egal wie kaputt das Gerät ist) das Shiftphone am Ende der Nutzungszeit direkt zum Hersteller zurückgibt und dafür einen Betrag von 22 Euro erhält. So sorgt der Hersteller für die Wiederverwertung der Geräte. Fairphone hat wiederum seit 2014 ein umfangreiches Telefon-Recycling Programm, wo alte Mobiltelefone gespendet werden können.

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Bei den nachhaltigen Smartphones können kaputte Einzelteile leicht ausgetauscht werden

 

Kommen wir zu den Unterschieden: Wem würdest du eher ein Shiftphone empfehlen und warum?

Das Shiftphone 6M ist aktuell von den Leistungsdaten (CPU/10 Kerne) etwas besser als das Fairphone 2. Auch die Größe des Displays ist um einiges größer (5,7 Zoll, Fell HD AMOLED). Es hat eine 21 Megapixel Rückkamera (13 MP Front) und ist damit auch sehr gut ausgestattet. Zudem ist die Batterie mit 4000 mAh recht gut dimensioniert. Android 8 ist bereits vorinstalliert und das Shift kann per USB-C geladen werden. Shift bringt außerdem selbst einen Nachhaltigkeitsbericht heraus, der online verfügbar ist.

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Das Team von Shift aus Hessen sammelte über eine Crowdfunding Kampagne Geld für die Erstproduktion ihres Shiftphones

Und wer sollte deiner Meinung nach lieber zum Fairphone greifen?

Wer die etwas kleinere und handlichere Version (5,0″ Zoll Full-HD Display) bevorzugt und nicht unbedingt 3D-Spiele spielen möchte, ist mit dem Fairphone 2 gut ausgestattet. Es bietet zwei parallele SIM-Karten und einen externen SD Slot. Außerdem gibt es kontinuierlich Updates für das Betriebssystem Android. Es kann aber unter anderem auch ein Google-freies Betriebssystem (Fairphone Open OS) installiert werden. Ein gutes Argument ist der Support von Software und Hardware für voraussichtlich die nächsten fünf Jahre, die der Hersteller verspricht. So haben die Geräte auf dem Markt auch keinen großen Wertverlust. Sicher auch, weil Sie einfach repariert werden können. Fairphones klare Kriterien sind: robustes Design für Langlebigkeit, fair gehandelte Materialien, gute Arbeitsbedingungen, die Wiederverwendbarkeit und das Recycling der verwendeten Materialien. Dafür wurde Fairphone unter anderem mit dem Blauen Umweltengel und dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet. In der Elektronikindustrie konnte Fairphone damit schon einiges verändern, nicht umsonst schreibt Fairphone auf seinen Smartphones „Change is in your hands“.

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Das Fairphone entstand 2013 durch ein Uni-Projekt in den Niederlanden

Vielen Dank für das Interview.