„Sicher gibt es einige Unternehmen, die sich große Mühe geben, fair und ökologisch einzukaufen und produzieren zu lassen.“

Dr. Maren Knolle ist Geschäftsführerin der Beratungsfirma Sustainability Agents und beschäftigt sich viel mit dem Thema Sozialstandards in textilen Produktionsketten. Ihre Dissertation hat sie zum Thema „Einfluss partizipativer Organisationsstrukturen auf die Implementierung und Einhaltung von Sozialstandards. Eine empirische Analyse chinesischer Zulieferbetriebe in der Textilindustrie.“ geschrieben und beantwortet uns heute als Expertin ein paar Fragen, die wir schon immer mal stellen wollten:

Bildschirmfoto 2016-04-21 um 16.54.42.png

Mimi: Frau Dr. Knolle, gibt es Textilien die 100% fair und ökologisch hergestellt sind?

Dr. Knolle: Sicherlich gibt es einige Unternehmen, die sich große Mühe geben, fair und ökologisch einzukaufen und produzieren zu lassen. Sie verfügen über hohe Transparenz ihrer Lieferkette, haben eine vertrauensvolle langfristige Zusammenarbeit mit den Produzenten aufgebaut und können daher besser einschätzen, ob vereinbarte Standards eingehalten werden. Dennoch werden auch diese Label Schwierigkeiten haben, die ganze Lieferkette vom Baumwollfeld bis zum Logistikunternehmen, welches die Ware von A nach B liefert, zu kennen und zu kontrollieren. Lieferketten sind in der Regel sehr komplex und es wird oft mit vielen intransparenten Subunternehmen gearbeitet. Ökologische Produktion und die Verbesserung von Arbeitsbedingungen werden zudem meist unterschiedlich priorisiert – je nach Firmenfokus. Zu behaupten, dass man wirklich 100% fair und ökologisch produziert, ist daher meiner Meinung nach irreführend. Besser ist eine transparente Darstellung über die Herausforderungen in der Produktion und wie man sich diesen kontinuierlich stellen möchte.

Mimi: Was mache ich denn als Verbraucher, wenn ich faire Mode kaufen möchte? Haben Sie Tipps? Gibt es Textilsiegel, die Sie empfehlen würden?

Dr. Knolle: Auch ein Textilsiegel gibt leider nicht absolute Sicherheit, dass alles korrekt abgelaufen ist. Die Überprüfung von Standards durch Auditoren bildet oft nicht die Realität ab – Ergebnisse werden zum Beispiel gefälscht oder der Auditor bestochen. Dadurch geben Auditergebnisse allein nicht zuverlässig Auskunft, ob ein Produkt nach heutigen Maßstäben fair und ökologisch produziert wurde. Das macht die Sache für Verbraucher kompliziert.

Dennoch können Siegel ein erster Hinweis darauf sein, inwiefern sich ein Unternehmen überhaupt mit der Thematik beschäftigt. Auf der Seite www.siegelklarheit.de kann sich der Verbraucher einen Überblick über die verschiedenen Siegel verschaffen, die alle unterschiedliche Schwerpunkte aufweisen. Der Verein Fair Fashion Network bietet auf der Website www.getchanged.net eine Suchmaschine um ökologische und faire Mode zu finden.

Mimi: Wie ist die Situation vor Ort in den Textilfabriken? Warum ist es so schwer, soziale Mindeststandards einzuführen? Woran scheitert es?

Dr. Knolle: Es gibt viele Faktoren, die darauf Einfluss nehmen. Zunächst gibt es rechtliche und politische Rahmenbedingungen, die sich auf Arbeitsbedingungen auswirken. Oftmals ist das Arbeitsrecht gar nicht so schlecht, es gibt jedoch zu wenig staatliche Kontrolle bezüglich der Einhaltung der Gesetze. In vielen Ländern hat die Regierung auch wenig Interesse Minimumlöhne anzuheben um Investoren nicht zu verschrecken. Ein wichtiger Faktor ist auch die Ausbildung der Manager – das Wissen, wie ein Betrieb mit 5.000 Arbeitern zu führen ist, ist in vielen Produktionsstätten nicht vorhanden. Chaos ist damit vorprogrammiert. Auch die Arbeiterschaft ist nicht wirklich über ihre Rechte und auch Pflichten informiert.

Mimi: Glauben Sie, Aktionen wie die „Fashion Revolution Week“ oder auch das Vorhaben eines europäischen Textilsiegels für nachhaltige Produktion können was verändern? Was würden Sie sich wünschen?

Dr. Knolle: Der Verbraucher spielt eine wichtige Rolle und Aktionen wie die Fashion Revolution Week sind ein gutes Mittel um Aufmerksamkeit für das Thema zu erzeugen. Unternehmen werden umso aktiver je mehr sie spüren, dass der Verbraucher Interesse an ökologisch und sozialverträglich hergestellter Kleidung hat.

Ein europäisches Textilsiegel halte ich nicht unbedingt für ein Mittel, das höchste Priorität hat. Die Probleme der Überprüfung von Siegeln bezüglich ihrer Einhaltung sind allgemein bekannt. Die vielen Siegel, die es bislang schon gibt, zeigen, dass auch sie oft keine tiefgreifende Veränderung im Betrieb bewirken. Letztlich kommt es darauf an, dass Manager und Arbeiter in die Lage versetzt werden im Dialog miteinander eigenständig Arbeitsbedingungen zu verbessern und die ökologischen Auswirkungen zu minimieren. Brands sollten ihrer Verantwortung nachkommen und die Fabriken in diesem Prozess mit ihren Möglichkeiten unterstützen.

Vielen Dank für das informative Interview.

Wir haben hier für euch noch ein paar informative Links gesammelt zum Thema Fashion Revolution Week:

http://fashionrevolution.org/

http://www.hmbrokenpromises.com/

http://www.br.de/puls/themen/leben/mimi-sewalski-interview-avocado-store-fast-fashion-100.html

http://www.br.de/puls/themen/leben/fast-fashion-in-zahlen-102.html

http://www.br.de/puls/themen/leben/warum-ich-keine-faire-mode-trage-100.html