Interview mit Jyoti Fair Works #whomadeyourclothes

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Wir möchten euch heute Jyoti Fair Works vorstellen, ein deutsch-indisches Fashion Label, welches zeigt, dass eine sozial und ökologisch nachhaltige Produktion möglich ist. Wie genau das aussieht, und was sie anders machen als herkömmliche Fashion-Produzenten, verraten sie uns heute hier im Interview.

„Unser Ziel ist es, Kleidung und Accessoires herzustellen, die sowohl unseren Kunden, besonders aber auch allen der Produktion beteiligten Menschen, Freude bereiten – vom Baumwollbauer, über den Weber bis hin zu den Näherinnen.“ Jyoti Fair Works

Mimi: Viele Menschen ahnen gar nicht, wie viele Schritte die Produktion eines normalen T-Shirts bereits beinhaltet. Könntet ihr einmal kurz und knapp eine typische Produktionskette bei euch beschreiben? Und wo produziert ihr eigentlich?

JFW_160410_Kollektion_alle_9Jyoti: Unsere Produkte werden in unserer eigenen Nähwerkstatt in Chittapur, einem kleinen Ort in Südindien, von unserem indischen Team genäht und bestickt. Die Stoffe für unsere neuen Produkte beziehen wir von vier Stoffproduzenten, die wir auf zahlreichen Reisen persönlich kennengelernt haben. Das war auch gar nicht so einfach direkt die Produzenten zu finden, denn in den allermeisten Fällen läuft das über Händler und die haben kein Interesse daran diese Informationen rauszurücken. Damit würden sie sich ja selbst überflüssig machen. Jetzt arbeiten wir mit zwei kleinen Familienunternehmen und zwei Sozialunternehmen, die mit lokalen Kooperativen arbeiten zusammen. Dort werden die Stoffe alle noch traditionell am Handwebstuhl gewebt.

Mimi: Innerhalb dieser Wertschöpfungskette, wo genau hakt ihr ein bzw. was macht ihr anders, als z.B. herkömmliche Produzenten?

Jyoti: An fast jeder Stelle. Der wahrscheinlich größte Unterschied ist, dass wir die Menschen tatsächlich kennen, die an der Herstellung unserer Produkte beteiligt sind. Als eines der sehr wenigen Labels haben wir eine eigene Nähwerkstatt und vergeben den Auftrag nicht an externe Workshops. Wir kennen die Frauen, die unsere Produkte nähen teilweise seit sechs Jahren. Sie sind mehr als “Näherinnen”, sie sind unser indisches Team. Jyoti ist ein deutsch-indisches Unternehmen und zwar zu gleichen Teilen.

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Mimi: Merkt ihr manchmal, dass es schwieriger ist, nachhaltig zu produzieren als herkömmlich und wenn ja, wieso?

Jyoti: Oh, ja das merken wir jeden Tag. Konventionelle Modeunternehmen vergeben den Auftrag für ihre 1000 Hosen einfach an die Textilfabrik in Bangladesh, die ihm das günstigste Angebot macht. Mit den Menschen, die diese Hosen nähen haben sie ja gar nichts zu tun, sie sind ja nur “Geschäftspartner”. Aber wir tragen die volle Verantwortung für unsere Indischen Mitarbeiterinnen, denn sie sind ja Teil unseres Unternehmens. Wir kennen sie, sie kennen uns.

Oder anderes Beispiel: Wenn es uns egal wäre unter welchen Bedingungen unsere Stoffe hergestellt werden, würden wir einfach beim nächsten Stoffhändler am Ort einkaufen. Das wäre nicht nur sehr viel billiger, sondern auch sehr viel einfacher. Ist es uns aber nicht. Deshalb machen wir uns viel Mühe. Aber die lohnt sich.

Mimi: Was glaubt ihr, warum bemühen sich bisher so wenig Textilproduzenten um eine nachhaltige Wertschöpfungskette? Geht es dabei um den Profit, oder gibt es noch andere Gründe?

Jyoti: Ja ich denke im Endeffekt geht es um Profit. Denn es geht dabei um sehr viel mehr JFW_160410_IMG_4025als um einen “fairen Lohn”. Letztlich müsste die gesamte Textilindustrie komplett anders organisiert werden. Die Textilindustrie ist in den letzten drei Jahrzehnten vollständig umstrukturiert worden. Oft nennen wir diesen Prozess “Globalisierung”, letztlich ist es aber eine völlige Fragmentieren von Produktionsprozessen.
Wenn ein Modeunternehmen heute beschließen würde, es bezahlt seinen ProduzentInnen ab sofort einen fairen Lohn, dann würde er dem Besitzer der Textilfabrik in Bangladesch mehr Geld überweisen. Denn er selbst hat ja meist gar keine Produktionsstätten, die NäherInnen sind nicht bei ihm angestellt. Aber wie will er dann sicher stellen, dass das Geld wirklich bei den ArbeiterInnen ankommt? Denn der Besitzer der Textilfabrik vergibt eventuell die Aufträge noch weiter an noch kleinere Workshops oder an Näherinnen, die von zu Hause aus arbeiten, oder steckt es einfach selbst ein. Das heißt Unternehmen können oft gar nicht mehr wissen von wem und wie ihre Kleidung hergestellt wird – und wollen es mehrheitlich ja auch nicht wissen. Warum wird da nicht gegengesteuert? Weil genau diese Auslagerung und Fragementierung so profitabel ist. Langer Rede kurzer Sinn: Ja, letztlich geht es um Profit.

Mimi: Was glaubt ihr, wer ist am meisten gefragt, hier was zu verändern – der Verbraucher, die Industrie oder die Politik?

JFW_160410_IMG_4132_KanthiJyoti: Das ist keine “oder”-Frage. Alle drei Akteure sind elementar, um nachhaltig etwas zu verändern. Dass Regierungen in den Produktionsländern Arbeitnehmerrechte und Umweltgesetzgebung nicht nur festlegt, sondern auch durchsetzt ist zentral. Dass Regierungen der Länder, in denen die Unternehmen ihren Sitz haben, diese stärker in die Pflicht nimmt nicht weniger. Aber eine solch globalisierte und mobile Wirtschaft lückenlos zu reglementieren ist vorsichtig ausgedrückt schwer. Deshalb müssen natürlich die Unternehmen endlich ihrer Verantwortung für die Menschen, die ihnen ihre Gewinne erst ermöglichen gerecht werden. Aber darauf vertrauen, dass sie das aus eigener Einsicht tun würde ich nicht. Deshalb sind selbstverständlich die Verbraucher gefragt, durch ihre bewusst Kaufentscheidung aber auch durch kritisches Nachfragen Einfluss zu nehmen.

Mimi: Wenn ihr euch was wünschen dürftet für die Zukunft, was wäre das?

Jyoti: Da wir gerade mitten in unserer Crowdfunding-Kampagne  stecken, um unsere neue Kollektion und damit unseren Fortbestand zu finanzieren, denken wir eher an die nahe Zukunft. Und da wünschen wir uns, dass sich viele Menschen von unserem Konzept und von unserer Kleidung begeistern lassen und unsere Kampagne zu einem Erfolg machen.

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Vielen Dank für die interessanten Einblicke und wir drücken euch die Daumen für die Crowdfunding- Kampagne!

Hier findet ihr die alles von Jyoti Fair works bei Avocadostore.de.