Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2010

Mitte März habe Christoph Harrachs Blog Post auf Karmakonsum gelesen und mich für ihn gefreut. Er wurde zu einem der "Deutschlands 50 Köpfe der Nachhaltigkeit" nominiert. Ein Publikumspreis der im Rahmen des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2010 am Freitag in Düsseldorf vergeben wurde.

Unter den Top 50 Personen, waren viele Vorbilder von mir, unter anderem:

Dr. Thilo Bode (foodwatch e.V.)
Prof. Dr. Michael Braungart (EPEA Internationale Umweltforschung GmbH)
Joschka Fischer
Dr. Volker Hauff
Peter Kowalsky (Bionade GmbH)
Renate Künast
Dr. Michael Otto
Prof. Dr. Götz E. Rehn (Alnatura)
Dr. Norbert Röttgen
Jürgen Trittin
Prof. Götz W. Werner (dm-drogerie markt)

Bis dato kannte ich den deutschen Nachhaltigkeitspreis nur als Auszeichnung von grünen Unternehmen, wie beispielsweise der Memo AG, und habe natürlich sofort für Christoph gewählt. Vor ein paar Tagen hat Christoph mich dann gefragt, ob ich Lust hätte auf die Veranstaltung zu kommen. Und am Freitag (26.11.2010) war ich dann auf einmal dort.

Im Maritim am Düsseldorfer Flughafen angekommen, bekomme ich am Check-in eine Begrüßungsmappe mit Agenda und einem Grußwort von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zum Deutschen Nachhaltigkeitstag 2010. Schirmherr der Veranstaltung war Günther H. Oettinger, Mitglied der Europäischen Kommission, mit Zuständigkeit für Energiepolitik.

Merkel

Eine Seite weiter sehe ich dann auf einmal eine Liste von Sponsoren & Partnern, "welche den Deutschen Nachhaltigkeitstag ermöglicht haben"
u.a.:
Henkel
CocaCola
Danone
und McDonalds

Sponsoren

… ich verliere ein bisschen den Glauben an die Veranstaltung. Freue mich allerdings immer noch auf einen interessanten Tag mit spannenden Leuten und Reden.

Wie es so ist, bringe ich immer ein bisschen Hunger mit auf Konferenzen, da ich gewohnt bin, dass es immer etwas (gutes) zu essen gibt. Auf dem Weg zu dem Veranstaltungsraum ist ein McCafé aufgebaut. Ich traue meinen Augen nicht! Mein Rückschluss ist, dass McDonalds jetzt bestimmt einen Fair Trade Kaffee auf den Markt bringt. Ich frage nach … falsch gedacht! Alles konventionelle Produkte! Nicht mal die Milch war von demeter - obwohl demeter sogar Aussteller war.
Was macht ein normales McCafé bei dem Deutschen Nachhaltigkeitstag? Sie sind weder nachhaltig, noch deutsch!

Mc_cafe
Mcdonalds_nachhaltigkeit
Kruse_mc_cafe

Ich höre mir die "Wohin wir wachsen wollen" Rede von Jürgen Trittin an. Im Programm steht dazu " 'Grünes Wachstum' ist ein neues Mantra in Wirtschaft und Politik. Welches sind die Voraussetzungen für ökologisch vertretbares Wachstum - und in welche Richtung geht es? " Die Rede ist super. Ich gewinne langsam wieder Vertrauen in die Veranstaltung.

Dann ist Pause und die Türen des Hörsaales gehen auf. Die Leute strömen in den Ausstellerraum in dem es Essen und Trinken gibt. Hotdogs von Heinz Ketchup und CocaCola. Mache ich Witze? Nein! Ungelogen! McDonalds, Heinz und CocaCola sind Aussteller auf dem Deutschen Nachhaltigkeitstag 2010. Sonst gibt's nichts - außer zum Mittagessen - ein bisschen was Regionales.

Cocacola_stand
Cocacola_nachhaltig
Heinz
Christoph, Daniel Kruse, Hendrik Haase und ich trauen unseren Augen nicht. Eigentlich können wir auf dem Event nichts essen und trinken - außer die Äpfel aus der Apfelkiste von demeter, welche neben dem Stand von CocaCola ein bisschen verlassen aussieht.

Während wir, umzingelt von CocaCola, Heinz Ketchup und McDonalds, um die Glaubwürdigkeit des Preises diskutieren, fällt mir eine der Ausstellerinnen ins Wort mit dem Satz: "Die Stuttgart21 Truppe soll doch bitte den Raum verlassen."  Christoph, ich und andere, die mit diskutiert haben, schauen uns an und glauben, dass wir in einem anderen Film sind.

In der Mittagspause haben Christoph und ich kurz die Möglichkeit mit dem Veranstalter Stefan Schulze-Hausmann zu sprechen. Dieser versucht uns zu erklären, dass solch ein Event nicht ohne CocaCola, Heinz & McDonalds möglich wäre. Wir widersprechen und bieten ihm an, sich mit uns in Verbindung zu setzen.

Nach der Mittagspause (gutes regionales - aber kein bio - Essen, zubereitet von Jamie Oliver) gehe ich in die Panel Diskussion: "Innovativer nachhaltiger Konsum - worauf es dem Verbraucher wirklich ankommt" hört sich interessant an und Christoph moderiert.
Und wer ist auf dem Panel am diskutieren:
Dr. Andreas Knaut (Director Corporate Communications, Health and Sustainability Danone GmbH)
Dr. Christa Liebtke (Forschungsgruppenleiterin "Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren" Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH)
Martin Piszczek (Geschäftsführer Druckstudio GmbH)
Rudolf Ringhofer (Senior Director Supply Chain & Qualitätsicherung McDonald's Deutschland Inc.)
Ulf Wentzien (Corporate Vice President Global Consumer Intelligence Henkel AG & Co. KGaA)

Bis auf Frau Dr. Liebtke hat meiner Meinung nach dort keiner etwas zu dem Thema zu sagen - außer ihrer normalen PR Sprüche. Es mag sein, dass McDonalds im Fast Food Bereich sehr regional sourcen und dass Henkel versucht eine grüne Marke zu etablieren. Aber ganz ehrlich, was haben diese Firmen mit Nachhaltigkeit zu tun? … und nachdem am Sonntag Abend mal wieder der Film "Supersize Me" auf 3Sat gelaufen ist, muss ich doch eigentlich nichts mehr schreiben, oder?

Ich habe die Möglichkeit eine Frage an das Podium zu stellen, welche Hendrik Haase aufgenommen hat.

Nach der Podiumsdiskussion wurde ich erst mal von einer McDonalds Mitarbeiterin attackiert - ob ich auch wirklich "nachhaltig konsumieren" würde und ob dies "überhaupt möglich wäre" - gefundenes Fressen für mich!

Nach einer Kaffeepause kam dann Jamie Oliver auf die Bühne. Ja, lest richtig. Jamie Oliver ist auf der Bühne, bekommt dein Honorary Award 2010 von einer Veranstaltung die von McDonalds gesponsert wird. Das Interview mit Jamie Oliver ist super. Highlight ist, dass er ein Video aus seiner TV Show zeigt auf der er Schulkindern erklärt, was Gemüse ist und schockiert zeigt, dass die Kids nicht wissen was eine Kartoffel ist, aber die Zeichen von McDonalds und Domino's Pizza sofort erkennen.

Jamie_oliver


Danach mache ich mich auf den Weg zurück und bin sprachlos. Die vielen Kommentare auf unserer Facebook Seite haben mich dann motiviert heute einen Blog Post darüber zu schreiben.

Hier noch mal die Preisträger:

Deutschlands nachhaltigstes Unternehmen 2010: Deutsche See
Deutschlands nachhaltigste Marke 2010: Lichtblick
Deutschlands nachhaltigste Zukunftsstrategie (Konzern) 2010: Puma
Deutschlands nachhaltigste Zukunftsstrategie (KMU) 2010: Gesobau, Studiosus
Deutschlands nachhaltigste Produkte 2010: C&A, Daimler
Deutschlands nachhaltigste Initiative 2010: REWE
Deutschlands recyclingpapierfreundlichstes Unternehmen 2010: REWE


Und jetzt?

Um ehrlich zu sein, habe ich Freitag kurz überlegt einfach den Stecker von Avocado Store zu ziehen. Ich bewege mich seit über zwei Jahren in dem "nachhaltigen Segment", war auf vielen Veranstaltungen und habe viele sehr interessante Leute kennen gelernt. Ich habe den Carrotmob damals mit einem super Team nach Deutschland geholt, weil wir einfach zeigen wollten, dass man mit wenig Geld und ohne Politik etwas bewegen kann. Avocado Store habe ich aus Leidenschaft zu grünen Produkten gegründet. Bis auf Freitag habe ich nicht einen Tag daran gezweifelt, dass ich das Richtige mache. Am Ende des Tages war ich zwar sprachlos, aber noch motivierter. Auch wenn sich jede Firma gerade Gedanken macht, wie sie "nachhaltiger" werden könnte … und es jeder zweiter TV Spot erklärt, wie nachhaltig das Unternehmen XY ist, am Ende des Tages ist das meiste Schein. Auf Politik und Industrie scheint wirklich kein Verlass zu sein.

Ich frage mich, ob diese Leute wirklich glauben, was sie erzählen. Ich finde es wichtig, dass große Unternehmen sich verändern, und einige sind auf dem richtigen Weg, aber bitte WALK THE TALK. Versucht doch erst mal etwas richtig zu bewegen, bevor ihr es kommuniziert.

ICH WERDE JETZT LAUTER WERDEN!!!

Comments (17)

Nov 30, 2010
Marcus Jensen said...
Sehr gut Philipp!!
Lauter werden ist gut! Den Konsumente erreichen und ihn "Greenwashing-immun" ist wichtig!
Was haltet ihr von einem hamburger Bündniss für nachhaltigen Konsum, das alle hamburger Nachhaltigkeitsinitiativen einschließt?

Marcus
Für Carrotmob Hamburg

Nov 30, 2010
Lieber Philipp!
Danke, dass Du Deine Beobachtungen und Gedanken eingestellt hast. Ich bin - ebenso wie Du - entsetzt. Um so wichtiger ist es, dass wir "Kleinen" enger zusammenrücken und offensiv deutlich machen, was sich "kluge Marketeers" in unerträglicher Weise zusammen delieren. Es ist ärgerlich, dass die "authentische Green Community (vielleicht benötigt es inzwischen dieser sprachlichen Differenzierung)" als argumentatives Feigenblatt herhalten muss ... in der Realität haben wir es umso schwerer in den Märkten zu bestehen, da wir neben der inhaltlichen Überzeugungsarbeit auch stets Marktreglementierungen aus eigener Kraft (und mit kleinsten Budgets) zu bewältigen haben. Ja, eine gemeinsame Initiave wäre richtig.
Nov 30, 2010
Anh Tu said...
Toller Artikel. Anregend, informativ und auch noch unterhaltsam geschrieben. Weiterhin viel Erfolg, lieber Philipp!!
Nov 30, 2010
julian said...
good NOISE mister: laut & lässig! sehr spannend geschrieben. bin dir dankbar für die insights.
Nov 30, 2010
kati drescher said...
danke philip!!! ich wäre sehr gerne da gewesen.
du machst das richtige! aber die beharrlichkeit des geldes und die überzeugung von menschen ihre pfründe zu sichern und nicht der gemeinschaft zu zu arbeiten aus verlustangst, das ist es gegen das wir kämpfen und du bist nicht so naiv zu denken das das schnell gemacht wäre. nicht um sonst sollten wir alle vile kinder kriegen, der weg ist lang und unser horizont weit!
Nov 30, 2010
Hi Phillip,

verrückte Welt! Super, dass Du das Wort ergriffen hast.
Ich werde heute Nachmittag mit Mareike im Hamburger Rathaus sein, da dort der Hanse-Globe verliehen wird für Hamburgs nachhaltigstes Logistik-Unternehmen. Ich habe BIOBOB ins Rennen geschickt, glaube aber nicht, dass wir da eine Chance haben, da auch dort eher die RICHTIG nachhaltigen großen Unternehmen gewürdigt werden. Vielleicht werden wir in 20 Jahren für unsere nachhaltigen Konzepte geehrt, aber im Moment sind wir wohl zu klein für die.
Schade aber wahr.
Laut sein ist prima!

Liebe Grüße
Jonas

Nov 30, 2010
Fritz Lietsch said...
Hallo Phillip,

ja, bitte sei laut und sei ehrlich. Aber bedenke: Das Geld mit dem Du Deine Öko-Ideen realisierst ist auch nicht auf dem Öko-Acker gewachsen :-)
Deshalb: Welcome to the Club - schön, dass auch Du jetzt dabei bist und hoffentlich dabei bleibst.
Mein Tipp: Ganz unaufgeregt ECO-World Anbieter bevorzugen, Avocado und Utopia nutzen, Konsum reduzieren oder wenn, dann zumindest konsequent Öko-Produkte kaufen. Mach das die nächsten25 Jahre mit Genuß, Freude und guter Laune. Mach gute Parties und noch bessere Konferenzen und sei damit der neue Hero einer neuen Generation.
Ich unterstütze Dich sehr gerne dabei - und bald bekommst dann auch Du die Avocado des Jahres und wir alle gemeinsam intelligentere "Konsumenten".
Gerne lade ich Dich ein in meinem neuen Heft ( R ) evolution der Konsumenten einen Beitrag zu schreiben,

Gruß aus dem tief verschneiten Bayern

Nov 30, 2010
Jochen Holtrup said...
...ich war ein Jahr davor dort - nun weist Du warum ich nicht mehr dort bin...
Und Deine Zweifel verstehe ich von Herzen - auch ich überlege gerade nach 7 Jahren "Szene" mich neu zu orientieren, da mich der Kampf so langsam auch physisch und psychisch krank gemacht hat - auch da es leider immer noch nur "Szene" ist.
Wenn Du die Kraft hast noch "Laut(er)" zu werden - natürlement: Go for it (aber achte auch auf Dich....)
Nov 30, 2010
Anna said...
your're not alone! :-=)
Dec 01, 2010
Danke! Scheint ja alles abstrust zu sein. Mich politisiert es auch immer mehr in letzter Zeit (Atom, insbesondere).

Anmerkung: Christa heisst mit Nachnahmen "Liedtke", und freue mich natürlich, dass sie die Nachhaltigkeitsfahne hochgehalten hat!

Dec 02, 2010
Christoph said...
Hey Phil,
Du hast völlig recht. Dennoch halte ich es eher für unangebracht, bei einer Podiumsveranstaltung einen (zugegebenermaßen fragwürdigen) Aussteller für Fehler der Veranstalter anzugreifen.
Ich finde, da muss man trennen, so schwer es auch ist. McD bietet auch so noch genügend "Angriffsfläche"..
Dec 02, 2010
roland said...
Das Sponsoren-Setting erinnert mich ein bißchen an den save the world award in Österreich. Dort findet man auch einen großen Fonds (Superfund) oder Opel als Geldgeber. Ich höre dann auch immer als Begründung, dass es eben die großen braucht.
Vielleicht sollte man sich einfach die Fragen einmal anders stellen:
Braucht es für diese Sache so große Events?
Dec 03, 2010
Jonas said...
@Roland
So wirbt man eben. Man zieht Nutzen aus großen Aktionen, Opel zb hat dann ein grünes Image aufpoliert und da wird keiner sagen, dass es eigentlich ja nicht für die Sache an sich nützt.
Dec 03, 2010
herwig Danzer said...
Danke für die Beschreibung Philipp, habe Deine Gedanken auch auf Twitter verfolgt,
wir haben uns für DIESEN Nachhaltigkeitspreis trotz eines Anrufs ganz bewusst nicht beworben weil wir die erste Hoffnung auf eine positive Entwicklung dieser Veranstaltung schon aufgegeben hatten. Einen sehr kritischen und guten Beitrag dazu (leider sind die eher selten) hat übrigens auch Micha Wenzl geschrieben: http://michaelwenzl.de/zitronenfalter/
Dec 17, 2010
marcel said...
dann hat sich ja in 3 Jahren eigentlich nichts verändert --- immer noch Eierschaukeln ;p

http://www.nachhaltigkeits-guerilla.de/nachhaltigkeitstag-nr-1-%E2%80%93-ein-...

Jan 03, 2011
MatzeLoCal said...
Was macht ein normales McCafé bei dem Deutschen Nachhaltigkeitstag? Sie sind weder nachhaltig, noch deutsch!
Sep 14, 2011
kevin said...
Thanks for your blog

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